Geschichtsstunde - Ein Briefwechsel

#1 von Hannelore Mohringer , 12.12.2015 09:21

Napoleon und die Aufhebung der Leibeigenschaft

Lieber Herr Eisenkopf,
das war eine fulminante Bildungslücke, auf die Sie mich da hingewiesen haben! Ich habe tatsächlich Leibeigenschaft in Deutschland nicht für möglich gehalten, wohl allerdings eine Abhängigkeit der jeweiligen „Landeskinder“ von ihre Fürsten, die der Leibeigenschaft gleichkamen, weil mir durchaus der „Verkauf“ von „Untertanen“ als Soldaten an fremde Mächte bekannt war.

Ich habe für den Eigengebrauch das Kapitel über Leibeigenschaft, das Sie als Link anzeigten, ausgedruckt , wie auch einige Seiten über „Pauline und Napoleon“. Pauline war die zeitgenössische regierende Fürstin von Lippe-Detmold, meiner Heimat. Sie hat die Leibeigenschaft am 27. Dezember 1808 abgeschafft, übrigens „gegen den Willen der seit 1805 von der Mitregierung ausgeschalteten Landstände“. Da kann ich mir unsere dickköpfigen Großbauern so richtig vorstellen. Sie herrschten auch zu meiner Kinderzeit noch durchaus junkerhaft mit der Landarbeitersituation in ihren Kotten, allerdings bei dem Großbauern, dessen Hof ich kenne, zur vollen Zufriedenheit der Kötter. Die wohnten in kleinen Bauernhäusern, die dem Bauern natürlich gehörten, hatten dort Vieh und Garten und leisteten dafür dem Großbauern Arbeit. Ich kenne eine Kötterfamilie, die seit Generationen in einem Kotten ihres Großbauern lebte als Schäfer oder Kleinbauern. – Meine Mutter kannte noch als junges Mädchen das Fürstenpaar aus Detmold, wenn es zur Kur in Bad Salzuflen war und meine Großtante besuchte, die Frau ihres „Obergärtners“, der die Kuranlagen managte; heute macht das der „Gartenbaudirektor“.

Jene Pauline war übrigens eine Verehrerin Napoleons, so habe ich gelesen, sehr zum Unterschied zu ihren „Untertanen“, die durchaus einiges dagegen hatten, für Napoleons Armee rekrutiert zu werden – „Leibeigenschaft“ mit anderem Vorzeichen! Nach der Völkerschlacht zu Leipzig „verprügelten die Lipper die französischen Beamten zu Paulines Entsetzen“.

Sie sehen, lieber Herr Eisenkopf, meine Wut auf Napoleon hat Tradition!

Trotzdem Danke für den Hinweis. Natürlich haben Sie in diesem Punkt recht. Nun bin ich gespannt auf die übrigen Widersprüche.

Herzlichen Gruß,
Hannelore Mohringer

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RE: Geschichtsstunde - Ein Briefwechsel

#2 von Hannelore Mohringer , 12.12.2015 09:24

„bestimmt auch klar“ ist, daß ohne die USA und die Alliierten die Ausbreitung des Kommunismus‘
durch die deutsche Armee beendet worden wäre – vor 1945!


Sehr gehrte Frau Mohringer,

Nein. das seh ich anders. Selbst wenn man alle sonstigen Besonderheiten des "Hitler-Reiches" außer Acht läßt und
nur allein die militärischen Möglichkeiten Deutschlands ab 1941 berüchsichtigt, hätte Deutschland damals die
kommunistische Sowjetunion nicht besiegen können. Dafür war das Land zu riesig. Die wichtigsten Rüstungs-
industrien/Panzerwerke hinter den Ural verlegt und die deutschen Kräfte zu klein, um dies alles zu schaffen.

Es geht da ja nicht mal nur allein um die Frontkämpfe, sondern auch um die Nachschubversorgung und die
Besetzung der "eroberten Gebiete" mit ihren Partisanenproblemen. Außer in den "eroberten" Teilen der
Sowjetunion, waren deutsche Soldaten ja auch Besatzer in Norwegen, Dänemark, Niederlande, Belgien,
Frankreich, Jugoslawien, Griechenland, Libyen, Tunesien, Polen und als "Waffenbrüder" auch in Finnland.

1939 hatte ganz Deutschland von Aachen bis Ostpreußen, zusammen mit dem angeliederten Österreich
und dem Sudetenland, etwa 79 Millionen Einwohner.

Davon waren ca. 38 Millionen männlich, vom Baby bis zum Greis. Gerade die für die Soldatenrekrutierung
altersmäßig passenden Jahrgänge 1914 - 1919, waren dabei durch den Ersten Weltkrieg schwächer, als
sie normalerweise gewesen wären. Im Juni 1942 hatte Deutschland nach Zahlen aus dem OKW, insgesamt
239 Divisionen, mit jeweils etwa 11800 Soldaten der "kämpfenden Truppe". Das macht nach Adam Riese
gerade mal 2,8 Millionen "kämpfende" Soldaten. Davon müssen Sie nun alle abziehen, die in den
verschiedenen anderen Ländern, als der Sowjetunion stationiert waren, dann wird es schon dünn für so
ein Riesenreich, wie die Sowjetunion. Ab "Stalingrad" wurde das ja noch weniger. Die Sowjetunion
war dafür einfach zu groß.

Dazu kommt ja, daß das Japanische Kaiserreich im Dezember 1941 auch die USA angegriffen hat (Pearl Harbor),
was damit automatisch auch zum Kriegsfall der USA mit Japans Verbündeten Deutschland führte. Die USA
konnten damals also gar nicht "neutral" bleiben und wurden 1942 auch oft von deutschen U-Booten, vor den
eigenen Küsten angegriffen.

Nach meiner Auffassung bei Berücksichtigung aller mir dazu je vorliegenden Unterlagen, hätte die deutsche Armee
damals die Sowjetunion allein schon von ihren Personalzahlen her, NICHT besiegen können, damit auch nicht die
"Ausbreitung des Kommunismus." Sorry also, wenn ich Ihnen auch darin widerspreche.

Mit freundlichen Grüßen
Werner Eisenkopf
Runkel/Lahn


Lieber Herr Eisenkopf,
spüre ich da in der förmlichen Anrede eine Reserviertheit ob meines Einwurfs? Anstatt „sorry“: Das täte mir leid! Sie lassen nun mal bei aller Genauigkeit der Aufzählung der Ereignisse den Willen der Alliierten außer Acht, der schon hinter dem Ausbruch des 1. Weltkrieges stand: Deutschland zurechzustutzen – gelinde gesagt. Den Angriff der Japaner auf Pearl Habor kann ich mir wegen der Idiotie nicht erklären. Dazu tauchte übrigens vor Jahren eine Verschwörungstheorie auf, die nichts als Verdächtigungen hinterließ – wie üblich bei Verschwörungstheorien -, die genauso abenteuerlich ist. Bleiben wir bei der Erklärung der grenzenlosen Dummheit und Bösartigkeit der Japaner, wie sie den Abwurf der beiden Atombomben rechtfertigen…

Ihre Aufrechnung der Unmöglichkeiten stimmt sicherlich, wie alle Fakten, die Sie aufzählen. Der Rest, nämlich die Frage, warum Hitler den Zwei-Fronten-Krieg gesucht hat, den er nach den Erfahrungen des 1. Weltkrieges unter allen Umständen vermeiden wollte, bleibt im Raum mitsamt der Tatsache des Nicht-Angriffs-Paktes beider Diktatoren und ihrer Absicht, sich Polen untereinander aufzuteilen. Wie die Geschichte verlaufen wäre, ohne den Pakt der Alliierten mit den Kommunisten (Churchill: das falsche Schwein geschlachtet?), weiß niemand, und es ist auch müßig, darüber zu spekulieren. Es bleibt, zu registrieren, daß die Alliierten sich mit Rußland gegen Deutschland zum zweiten Mal verbündeten, diesmal „unter anderen – ‚weltanschaulichen‘ - Umständen“ in der Gewißheit, daß dem Kriegsende die Auseinandersetzung mit dem Kommunismus folgen würde, womit wir bis heute beschäftigt sind.

Ich möchte heute nur noch Ihre Aufzählung ergänzen mit der Erinnerung daran, daß die Italiener sowohl Griechenland überfallen haben, wie Nordafrika wegen ihres Abessinienkrieges, und die treudoofen Deutschen sie in Verbündetentreue nicht im Stich ließen, die Italiener! Auch ein Kapitel für sich.

Ich drucke wieder Ihre Geschichtsstunde aus und bedanke mich dafür.

Mit wie immer herzlichen Grüßen,
Hannelore Mohringer

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