Besuch in einem dunkelroten Land

#1 von Hannelore Mohringer , 30.05.2015 13:15

„Habt Ihr auch noch ein paar Deutsche in Salzuflen?“, fragte ich meine ehemaligen Schul- und Klassenkameradinnen nach der Begrüßung. „Ein paar haben wir noch“, lautete die Antwort. Es war – natürlich - ein mediterraner Kellner, der uns bediente. Er hatte es gehört und schien unbeirrt. Sie sind ja auch längst fester Bestandteil unserer Gesellschaft, diese Italiener, Spanier und vor allem die Portugiesen, allen voran meine liebe Fatima, hellblond und blauäugig, der offenbar ein Vandale durch die Ahnenreihe gehüpft ist und die nicht glauben wollte, daß Fatima der Name der Lieblingsfrau Mohammeds war. Schließlich gibt es doch eine Heilige, namens Fatima in Portugal. Ob das Fatima in ihrer kurzen Schulzeit nicht gelernt hatte?

Wir waren - immer noch!- zu sechst; vier Sextaner von 1935, zwei von 1934, also ein gespenstisches Relikt aus Nazizeiten, wird sich der freundliche junge Mann gedacht haben – vielleicht. Vielleicht aber auch nicht, wenn nämlich sein Großvater unter den ersten Gastarbeitern vor einem halben Jahrhundert war! Dann nämlich hat er vielleicht meinen Galgenhumor gar nicht auf sich bezogen.

In der Bücherei, in der ich eine Ansichtskarte von Bad Salzuflen gekauft hatte, stellte die Inhaberin, die jüngste Tochter meiner Generationsgefährtin, fest, unsere Stadt habe sich nicht gerade zu ihrem Vorteil verändert. Immerhin war der Platz vor der reformierten Kirche, woher ich gerade kam, nach wie vor unbehelligt vom Verkehr. Zwischen Fachwerk- und Roter Schule liegt das Straßenende der Turmstraße mit dem Katzenturm. Es war wohl einst der Schuldturm der Stadt. Immer, wenn ich in meiner Heimatstadt bin, gehe ich von dieser Seite auf den Kirchplatz, über das Kopfsteinpflaster und zwischen alten, heute gepflegten kleinen Fachwerkhäusern auf der einen und der Mauer mit dem Katzenturm auf der anderen Seite der “Turmstraße“.

Von der Kirche aus führen zwei Treppen hinunter mitten in die Stadt, eine, an dem Haus vorbei, auf deren Regenrinne, die auf der Rückseite des Hauses bis an diese Treppe reicht, ich einst als Kind balanciert haben soll, bis mich ein Erwachsener heruntergeholt hat. Dort traf ich auf eine alte dicke Frau mit einem Spitzentuch auf dem Kopf mit Glitzersteinen, umwimmelt von kleinen schwarzhaarigen Kindern, mit dem Selbstverständlichkeitsgehabe von Besitzern.

Das Bild wäre unvollkommen ohne den Hinweis auf die festliche Versammlung von SPD-Funktionären, die eine verdiente Jubilarin feierten. Jeder kennt mich dort, und wenn nur vom Hörensagen! Verstohlene Blicke bewiesen es. Aber da war auch der alte „Bekannte“, also, jemand, den man kennt, aus Salzuflen, der nach Herford geheiratet hat und mir flüsternd gestand, daß er sich in Herford bis heute nicht heimisch fühle. Sieben lange Kilometer von Salzuflen entfernt! Das ist wahres Heimweh! Er hat, soweit ich sehe als einziger dieser Runde, sein Geld in der Wirtschaft verdient – er und ich als Vertreter derer, die das Geld erarbeitet haben für die Pensionen und Diäten der Feiernden. Das schafft Solidarität!

Die Zeitungen, die ich dort, im dunkelroten Land, gelesen habe, waren in der Art des Artikels im heutigen SÜDKURIER geschrieben, wo ich lese, daß „das Geschäft mit der Umwelt“ langwierig ist, was sich „an den Verhandlungen über das Weltklima“ ! verdeutlicht, wobei immerhin Einigkeit bestehe über die Erwärmungsbeschränkung von zwei Grad, weswegen selbst China wegen der „Schmutzwolke“ über Peking „diesen Weg beschreitet“. Wir sprechen also in verschiedenen Sprachen, alle die Roten und ich, wobei in Herford ausdrücklich kein Dolmetscher zugelassen war. „Mit Dir diskutiere ich nicht über Politik“, sagte ein alter Freund wohlmeinend. Er ist klug genug, um zu wissen, daß das „Gespräch“ nach dem ersten Tabubruch von mir in einer Kaskade von sakrosankten Sprüchen unterginge.

Übrigens: Den SÜDKURIER-Artikel, den ich oben erwähnte, hat Uli Fricker geschrieben (Seite 10 in der heutigen Ausgabe). Barbara Hendricks aus Nordrhein-Westfalen war zu Gast in der Redaktion. Sie ist Bundesumweltministerin, 63 Jahre alt, also Jahrgang 1952 und damit ein klassischer politischer 68er-Jahrgang, wie fast alle in der Regierungsmannschaft klassische politische 68er-Jahrgänge sind, in Frau Hendricks verstärkt nur dadurch, daß sie aus der SPD von Nordrhein-Westfalen „kommt“. „Die gelernte Gymnasiallehrerin“ – für welche Fächer, steht nicht dort – „sitzt seit 21 Jahren im Bundestag“ und „bekannte (sie) sich in diesem Jahr (auch) öffentlich zu ihrer Lebenspartnerin, aus welcher Formulierung zu schließen ist, daß sie homosexuell lebt. Wenn sie es nicht „öffentlich“ machen und auch noch „bekennen“ würde, wäre uns wenigstens das erspart geblieben.

Zurück im Lande Winfried Kretschmanns. Hier ist es noch nicht ganz so weit, und es ist kaum zu übersehen, daß in den nächsten einundeinhalb Jahren noch bisher Undenkbares nicht nur gedacht werden wird. Die Farbenlehre stimmt ja seit langem nicht mehr: Grün ist roter als Rot rot ist.

Immerhin! Noch ist es nicht so weit.

Hannelore Mohringer

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