Der Kessel brodelte mit vielen Ingredienzen.

#26 von JoG , 08.02.2013 17:05

Nach dem Warum habe ich mich oft gefragt und fand immer, dass es verschiedene Antworten geben wird. Für einen Kampfgefährten Röhms stellte sich die Frage anders, als für einen Arbeitslosen Kleinbürger, der die Juden hasste und aus Mein Kampf Hoffnung zog, einem Junker mit militärischer Familientradition, einem Arzt, der den Volkskörper reinigen wollte oder für einen Industriellen, dem ein neues Heer dessen Versorgung Millionen versprach durch den Verkauf von Batterien es erlaubte die Arbeitsplätze zu sichern. Angeblich fanden viele Frauen den Mann sexy. Natürlich gab es auch den Stammtisch und die Parolen von Befreiung und wieder zu erlangender Größe, erlittener Schmach und anderer unsinniger Sichtweisen. Es gibt viele Dinge, die man als Hoffnung, Eigeninteresse oder Ruhebedürfnis bezeichnen kann. Der Kessel brodelte mit vielen Ingredienzen.

Aber das wissen Sie doch. Daher dachte ich die Frage wäre rhetorisch.

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RE: Der Kessel brodelte mit vielen Ingredienzen.

#27 von kjschroeder , 08.02.2013 17:36

Zitat
Aber das wissen Sie doch. Daher dachte ich die Frage wäre rhetorisch.


Oh nein, die Frage war nicht rhetorischer Art. Denn: Ja, was Sie aufgezählt haben, ist mir schon gegenwärtig. Aber was mich dabei umtreibt ist die Einstellung HINTER den Dingen, die Sie aufgezählt haben. DARUM geht es mir.

Ein Beispiel, das Sie nannten:

Zitat
als für einen Arbeitslosen Kleinbürger, der die Juden hasste

Warum war das so? Hier ist die Antwort noch einfach, weil diese Frage erforscht wurde und ihre Ursache jahrhundertelang zurückreicht. Mit Implikationen für heute? DAS wäre nämlich der nächste Aspekt.

Und in dem Zusammenhang ließe sich ja auch die Frage stellen, warum diese Einstellung nichtg auf alle Kleinbürger zutraf, welche Faktoren bei beiden Gruppen am Wirken waren - und wie es um diese Faktoren HEUTE bestellt ist.

Oder nehmen Sie das Thema Arbeitslosigkeit: 1936 gab es keine mehr. Die Leute konnten ihre Rechnungen bezahlen, hatten ihr Auskommen und keine Angst um Arbeitsplätze. Sie könnten jetzt sagen: Das entschuldigt die Schuld nicht. Und ich würde dann antworten: Sicher nicht, schon klar. Aber macht es die Sympathie für die Nazis nicht verständlicher angesichts des Umstandes, daß es HEUTE AUCH Leute gibt, die die Zustimmung zu einem System mit einem sicheren Arbeitsplatz verbinden, den es bis 1989 gab? Und bei der DDR relativieren wir ja auch, nicht wahr? Was wäre aus dieser HEUTIGEN Einstellung dieser Menschen politisch für Demokraten für die ZUKUNFT aus heutiger Sicht abzuleiten?

Auf alle diese Fragen gibt es auch Antworten - teilweise widersprechende. Aber der Punkt ist: Diese Antworten führen von den Oberflächlichkeiten weg und hin zu charakterlichen Einstellungen. Charakterliche Einstellungen, die den Krieg überlebt haben. Und die - teilweise in neuem Gewand - WIEDER ihr Unwesen treiben.

Denn für mich wird die Frage, welche Lehren und Konsequenzen aus der Nazizeit zu ziehen sind, nicht vollständig und teilweise falsch, ja sogar kontraproduktiv beantwortet.

Gruß
Klaus

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RE: Der Kessel brodelte mit vielen Ingredienzen.

#28 von JoG , 08.02.2013 18:13

Ja, was für die Zukunft abzuleiten ist, ist eine gute Frage, die anschließend wohl nicht beantwortet werden kann. Was man aber sagen kann, ist, glaube ich, dass auf dieses Problem übertragen Churchill übertragen zitiert werden kann, "jaw, jaw is better than war, war."

Es ist zum Einen besser alles also so lange und oft und auch genervt zu diskutieren, als dies zu unterbinden. Nichts darf zu sagen tabu sein und nie darf eine Regierung den Meinungsbildungsprozess ex cathedra zu beeinflussen versuchen.

Als Zweites würde ich sagen, dass man weitestgehende Transparenz schaffen muss gegenüber Machthaltern und sicherstellen muss, dass die Kontrollen dieser Gruppen absolut robust, zuverlässig und glaubhaft ist und die Strafen unerbittlich, hart und unausweichlich sind.

Das wären zwei der Lehren, die ich aus den damaligen Begebenheiten gezogen habe. Beide Lehren hat die deutsche Bevölkerung nicht wirklich verstanden. Aber beide sind mE notwendige Bedingungen jeder funktionierenden Demokratie.

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RE: Der Kessel brodelte mit vielen Ingredienzen.

#29 von kjschroeder , 09.02.2013 11:43

Zitat
und nie darf eine Regierung den Meinungsbildungsprozess ex cathedra zu beeinflussen versuchen.


Da stimme ich Ihnen zu - und das ist genau das, was hier zunehmend passiert. Die GEZ-Sender und der Einfluß der Politik darauf. Dann der INDIREKTE Einfluß: "Können Sie zu der Pressekonferenz nicht jemand anders schicken?" Kein Chefredakteur will so einen Anruf von z.B. einem Minister oder gar einem Kanzler. Und viele Korrespondenten fürchten ihn. Hier haben wir ein Versagen der Medien.

Um wieder auf das eigentliche Problem zurückzukommen - bzw. das, was ich als Problem wahrnehme: Es gibt in der Gesellschaft eine Übereinstimmung, einen common sense, was nicht mehr passieren darf. Und das Problem besteht darin, dieses "No go" an einer bestimmten politischen Ausrichtung festzumachen. Daher ja auch die Beobachtung und der politische Kampf gegen Rechtsextreme.

Der Irrtum - und damit das Resultat des Problems - besteht in meinen Augen nun darin, diese Gefahr AUSSCHIESSLICH aus dieser Ecke zu sehen - und zwar, weil diese Gefahr als politische Strömung definiert wurde, NICHT aber in Form der dahinter stehenden ethischen Werte und Moralvorstellungen, nicht der Charaktermerkmale. All das wird NICHT thematisiert. Und da liegt das Problem: Denn diese Einstellungen finden Sie allüberall. Nicht mehrheitlich, aber über das gesamte Spektrum verstreut - mit "Clustern" an den jeweiligen politischen Rändern.

Gruß
Klaus


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RE: Der Kessel brodelte mit vielen Ingredienzen.

#30 von Jochen Singer , 09.02.2013 12:35

Zitat
Der Irrtum - und damit das Resultat des Problems - besteht in meinen Augen nun darin, diese Gefahr AUSSCHIESSLICH aus dieser Ecke zu sehen - und zwar, weil diese Gefahr als politische Strömung definiert wurde, NICHT aber in Form der dahinter stehenden ethischen Werte und Moralvorstellungen, nicht der Charaktermerkmale. All das wird NICHT thematisiert. Und da liegt das Problem: Denn diese Einstellungen finden Sie allüberall. Nicht mehrheitlich, aber über das gesamte Spektrum verstreut - mit "Clustern" an den jeweiligen politischen Rändern.



Ein Risiko der Lenkung der Gesellschaft sehe ich in dem Versuch der VERDI-Lehrergewerkschaft in Baden-Württemberg Schulen in eine sozialpflegerische Veranstaltung zu verändern. In Schulen soll gelernt und nicht die Mentalität der Schüler in Richtung Fürsorgefreundlichkeit zugunsten eines Teils der Gesellschaft verändert werden. Wenn "Sozial" freiheitsabbauend wirkt, gut getarnt und positiv besetzt natürlich, dann ist Widerstand zwingend.

Ich bin entschiedener Gegner der lenkenden Erziehung der Gesellschaft weil die freiheitseinschränkend wirkt.



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RE: Der Kessel brodelte mit vielen Ingredienzen.

#31 von JoG , 09.02.2013 13:32

*****Um wieder auf das eigentliche Problem zurückzukommen - bzw. das, was ich als Problem wahrnehme: Es gibt in der Gesellschaft eine Übereinstimmung, einen common sense, was nicht mehr passieren darf. Und das Problem besteht darin, dieses "No go" an einer bestimmten politischen Ausrichtung festzumachen. Daher ja auch die Beobachtung und der politische Kampf gegen Rechtsextreme.*****

Ich sehe den Inhalt des hiesigen common sense als falsch verstanden an. Es ist prima, wenn Individuen, Religionsgemeinschaften oder andere Nichtregierungsgemeinschaften sich gegen politische Meinungen positionieren. Aber wenn die Regierung oder vom Staat subventionierte Organisationen dies tun, ist das antidemokratisch und ein No go. Ein Staat bspw, dessen Sicherheitsdienste Abgeordnete einer Partei beobachtet, hat ein gravierendes Problem und stellt eine Gefahr für die Demokratie da. Ein staatliches Fernsehen, das über eine Partei selektiv schlechter berichtet als über andere, ist nicht demokratisch. Eine Regierung, die über Kirchen urteilt, ist nicht säkular.

Selbstverständlich sind Vergehen durch Mitglieder jeder Organisation juristisch so zu verfolgen. Aber eben nur, wenn ein Vergehen begangen wurde und in gleicher Weise geahndet wird bei den Mitgliedern anderer vergleichbarer Organisationen. (Wenn also Kohl seine Bestecher nicht nennen muss....?)

*****Der Irrtum - und damit das Resultat des Problems - besteht in meinen Augen nun darin, diese Gefahr AUSSCHIESSLICH aus dieser Ecke zu sehen - und zwar, weil diese Gefahr als politische Strömung definiert wurde, NICHT aber in Form der dahinter stehenden ethischen Werte und Moralvorstellungen, nicht der Charaktermerkmale. All das wird NICHT thematisiert. Und da liegt das Problem: Denn diese Einstellungen finden Sie allüberall. Nicht mehrheitlich, aber über das gesamte Spektrum verstreut - mit "Clustern" an den jeweiligen politischen Rändern.****

Der Irrtum ist doch darin zu glauben die Regierung sollte politische "Vergehen" ausmachen dürfen. Der Staat sollte sich darauf beschränken kriminelle Handlungen zu verfolgen. Ob ein Bürger "rechts", "links", "extrem", Scientologe ist oder glaubt der Führer würde auferstehen, muss vom Staat gleichermaßen neutral behandelt werden. Das geht dem Staat nichts an.

Anders den Bürger und seinen vom Staat nicht subventionierte Organisationen. Sie sind diejenigen, die um die Politik und Kultur ringen müssen. Er wählt ja dann auch die Regierenden, die allgemeine Gesetze machen im Sinne ihrer Wähler.

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RE: Der Kessel brodelte mit vielen Ingredienzen.

#32 von JoG , 09.02.2013 13:46

Zitat von Jochen Singer im Beitrag #30

Zitat
Der Irrtum - und damit das Resultat des Problems - besteht in meinen Augen nun darin, diese Gefahr AUSSCHIESSLICH aus dieser Ecke zu sehen - und zwar, weil diese Gefahr als politische Strömung definiert wurde, NICHT aber in Form der dahinter stehenden ethischen Werte und Moralvorstellungen, nicht der Charaktermerkmale. All das wird NICHT thematisiert. Und da liegt das Problem: Denn diese Einstellungen finden Sie allüberall. Nicht mehrheitlich, aber über das gesamte Spektrum verstreut - mit "Clustern" an den jeweiligen politischen Rändern.


Ich bin entschiedener Gegner der lenkenden Erziehung der Gesellschaft weil die freiheitseinschränkend wirkt.



Genau daher bin ich ein entschiedener Gegner davon, die gesamte oder auch einen wesentlichen Teil Bildung in der Hand des Staates zu belassen.

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RE: Der Kessel brodelte mit vielen Ingredienzen.

#33 von kjschroeder , 11.02.2013 09:26

Zitat
Ich bin entschiedener Gegner der lenkenden Erziehung der Gesellschaft weil die freiheitseinschränkend wirkt.


Zum einen das. Aber da ist ja noch mehr: Die Schüler werden auf die Weise in Scheinwelten hineingelullt. Wo privates Unternehmertum nur als böse dargestellt wird, aber versäumt wird, den Schülern zu sagen, was eigentlich die Triebfeder unseres Wohlstandes ist. Wo so Sachen wie das CO2-Gedöns ernstgenommen werden und nicht kritisch hinterfragt. Als eine Folge davon gelten dann die Amerikaner als böse, weil sie ausgestiegen sind aus diesem Humbug.

Und dann wird sich gewundert, wenn diese Scheinwelten mit der Realität kollidieren.

Insofern bin ich neugierig, wie die Geschichte mir dem Fracking hier weitergeht. ;-)

Auch so eine "unangenehme" Entwicklung, mit der Träumer wachgeküßt werden ..... ;-)


Gruß
Klaus


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RE: Der Kessel brodelte mit vielen Ingredienzen.

#34 von wüllerstorff , 11.02.2013 11:35

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RE: Der Kessel brodelte mit vielen Ingredienzen.

#35 von JoG , 11.02.2013 18:03

""""Zum einen das. Aber da ist ja noch mehr: Die Schüler werden auf die Weise in Scheinwelten hineingelullt.""""

....und Demokratie existiert, wo man den Bürgern verbietet ihre Meinung frei zu äußern und Minaretten zu bauen. ;)

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